Konotoper Hexe – Ein Stück entsteht

Hintergründe und Probenarbeit

Ein Bericht von Sofiia Geraskina
Schauspielerin des Freien Theaters Mriya Bonn

Wir, Freies Theater Mriya Bonn, möchten Ihnen, sehr geehrte Theaterliebhaberinnen und Theaterliebhaber, unser neues Stück vorstellen – “Konotoper Hexe”. Diese Inszenierung ist unsere eigene Adaption des Werkes “Konotoper Hexe” von Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko. Es ist eine Geschichte über weibliche Stärke, Ungerechtigkeit und List, über das Streben nach Macht, Größe und Geld. Sie zeigt auch die Absurdität einer Führung, die ständig nach Möglichkeiten sucht, sich zu bereichern – in diesem Fall durch die Schlauheit und den Verstand einer Frau.

Ich, Sofiia Geraskina, Schauspielerin des Freien Theaters Mriya Bonn, freue mich, Ihnen einen kurzen Einblick in die Geschichte des Stücks, interessante Besonderheiten unserer Adaption und ein wenig Blick hinter die Kulissen zu geben.

Die Entstehung und die heutige Bedeutung der „Konotoper Hexe“ als literarisches Werk und Bühnenaufführung

Das satirisch-fantastische Buch wurde bereits im fernen Jahr 1833 in der Ukraine geschrieben und erst über ein Jahrhundert später, im Jahr 1982, erstmals als Bühneninterpretation im Nationalen Akademischen Dramatheater namens Iwan Franko in Kyjiw aufgeführt. Trotz ihres Alters ist das Werk bis heute aktuell geblieben. In der Ukraine werden nach diesem Stoff derzeit fast alle halbe Jahre neue Inszenierungen aufgeführt.

Das Stück wurde vom Publikum wegen ihrer Absurdität und Schönheit geliebt. Wie konnte eine Frau, die unscheinbar war und als hässliches Ungeheuer galt, ganz Konotop auf den Kopf stellen, die Stadt in Angst halten und sich raffiniert an der Obrigkeit für deren Misshandlungen rächen? Die Konotoper Hexe – Jawdocha Subycha – hat es geschafft. Und wie genau? – Finden Sie es gerne selbst heraus bei den Aufführungen von “Konotoper Hexe” auf der Brotfabrik Bühne Bonn vom 20. bis 23. Mai um 19:00 Uhr.

Konotop und seine Vergangenheit

In der Ukraine ist das Stück richtig bekannt und bedarf keiner besonderen Vorstellung – doch wir befinden uns in Deutschland. Daher lade ich Sie ein, es etwas genauer zu betrachten. Werfen wir zunächst einen Blick auf den Titel – was bedeutet er eigentlich? Für viele ist Konotop etwas Unbekanntes, was ganz natürlich ist. Genau deshalb ist es unsere Mission, Ihnen diese Stadt näherzubringen. Ja, genau –Konotop ist eine kleine Stadt in der Region Sumy im Nordosten der Ukraine. Konotop hat im Laufe seiner Geschichte vieles erlebt. Eine der größten Tragödien war zum Beispiel die Schlacht bei Konotop.

Die Schlacht bei Konotop, die im Jahr 1659 gegen das Moskauer Heer stattfand, wurde zu einem eindrucksvollen Beweis für die Stärke und Unbeugsamkeit der Ukraine: Das Kosakenheer besiegte gemeinsam mit seinen Verbündeten eine deutlich größere feindliche Armee und zeigte damit, dass der ukrainische Geist weder durch Überzahl noch durch Angst gebrochen werden kann. Diese Schlacht war eines der Schlüsselereignisse des Moskau-Ukrainischen Krieges (1658–1659).

In diesem Sieg offenbarte sich die Kraft eines Volkes, das für seine Freiheit, Kultur und Unabhängigkeit kämpft – eine klare Botschaft an die Welt, dass die Ukraine bereit ist, sich bis zur Erschöpfung gegen russischen Druck zu verteidigen. Leider ist das auch heute noch Realität. Der Legende nach gab es in Konotop Hexen, die seltsame Wunder vollbrachten. Davon handelte das Buch von Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko – und genau über dieses Thema spielen wir in unserer Interpretation des Werkes.

Ein Blick hinter die Kulissen

Wir haben traditionelle Kostüme, Symbole und sogar Dialekte verwendet, um Sie, sehr geehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, näher an jene mythischen Zeiten und an unsere faszinierende, farbenreiche Kultur heranzuführen. Jede und jeder hat in diesem Projekt seine Seele gegeben. Die Regisseurin und der Drehbuchautor haben es geschafft, ein ganzes Buch für die Bühne in der Brotfabrik zu adaptieren. Alle Dialoge wurden neu geschrieben, neue Figuren hinzugefügt, und jede Schauspielerin und jeder Schauspieler hat intensiv an der eigenen Rolle gearbeitet. Sogar die Motanka, die in der ukrainischen Kultur eigentlich eine einfache Schutzpuppe ist, wird in unserer Adaption zu einer eigenständigen Figur, die als Verbindung zwischen zwei Welten dient – unserer und der mythischen.

Choreografie, Gesang, Atmosphäre, Kostüme, Dekorationen und Bühnenbild – alles wurde von unserem Theaterteam selbst geschaffen. Zum Beispiel habe ich eigenständig Details für die Kostüme geflochten, die die Röcke und Gürtel ergänzen, andere Schauspielerinnen und Schauspieler haben mir dabei geholfen, und einige haben Requisiten auf Flohmärkten gesucht. Und natürlich wäre all das ohne die unverzichtbare Arbeit unserer Organisatorin und Theaterleiterin nicht möglich gewesen – sie hat uns mehrmals gerettet, indem sie auf die Finanzierung durch die Stadt Bonn (Kulturamt) hingewiesen hat und Werbung organisiert. Außerdem steht sie selbst mit uns auf der Bühne.

Jede Probe war wie eine Reise in ein eigenes Universum. Wir haben uns selbst Figuren und Charaktere ausgedacht, die Frauen wurden gewissermaßen zu echten Hexen, und jede Szene hatte ihre eigene Atmosphäre. Mal war es ein Mythos, mal empfanden unsere Figuren Abscheu gegenüber der Macht, und mal tat es ihnen leid um unschuldige Seelen. Für alle Heldinnen und Helden war es Realität. Und wir sind überzeugt, dass auch Sie gemeinsam mit unseren Figuren eine ebenso faszinierende Reise erleben können. 

Diese Satire mag zwar die Absurdität und die grausame List der Macht darstellen, bewahrt jedoch zugleich ihren ernsten Kern und thematisiert das Problem des patriarchalen Systems.

Die Zusammenfassung des Stücks von der Leiterin des freien Theaters Mriya Bonn:

In der ukrainischen Kleinstadt Konotop herrscht eine schwere Dürre. Statt sich rational mit den Ursachen oder möglichen Lösungen zu befassen, sind die lokalen Machthaber überzeugt, dass Hexen für das Ausbleiben des Regens verantwortlich seien. Der Stadthauptmann Mykyta Sabrjocha beschließt daher, Hexen aufzuspüren und zu bestrafen, um so den Regen „zurückzuholen“. Gemeinsam mit seinem untergebenen Schreiber Pistrjak lässt Sabrjocha eine Untersuchung durchführen. Frauen aus der Umgebung werden verdächtigt, verhört und misshandelt. 

Parallel dazu entwickelt sich eine Liebesgeschichte: Sabrjocha möchte eine schöne und wohlhabende Frau heiraten, welche aber in einen anderen verliebt ist. Durch Intrigen, Missverständnisse und den Einfluss vermeintlicher Hexerei geraten persönliche Interessen, Machtstreben und Aberglaube immer stärker durcheinander.

Warum kreieren wir Kunst? 

Unser Volk wurde wiederholt von einem Nachbarstaat zu vernichten versucht, doch wir stehen weiterhin und kämpfen, weil wir einen Grund dafür haben. Unsere Kultur lebt bis heute dank unserer Unbeugsamkeit und unseres Widerstands gegen den Feind. Ihre tiefen Wurzeln reichen bis in uralte Zeiten zurück – und genau das inspiriert uns zum Schaffen. Jedes ukrainische Buch versuchte Moskau einst zu verbrennen – und unter den überlebenden Werken befindet sich auch  “Konotoper Hexe”.

Der Krieg, der uns erschöpft und so viel Kraft raubt, hält uns nicht auf. Wir halten zusammen und sind unendlich dankbar für die Unterstützung. Nur weil wir am Leben sind – so wie auch unsere Kultur – haben wir die Möglichkeit, unsere Träume zu verwirklichen und neue Inszenierungen zu schaffen. Trotz Krieg und Verzweiflung finden wir die Kraft, Kunst zu schaffen. Unser Theater handelt nicht nur von der Gegenwart – wir zeigen ebenso mit großer Freude unsere uralten Traditionen und unsere Kultur. Und eine solche Geschichte ist “Konotoper Hexe”.


Fotos von Nataliia Herts und  aus dem persönlichen Album der Schauspieler*innen